Die Folgen der Hitzewelle und der Brände in Russland sind verheerend. Hohe Temperaturen und Rauch gefährden die Gesundheit, insbesondere älterer Menschen. Dass die Sterberate in Moskau im Vergleich zum Juli 2009 um 50 Prozent gestiegen ist, ist auch auf diese Extremwetterereignisse zurückzuführen. Mit dem Klimawandel werden sich solche Ereignisse vermutlich häufen. Vor diesem Hintergrund sollten auch hierzulande präventive Maßnahmen im Katastrophenschutz und der medizinischen Versorgung erfolgen. In KLIMZUG-Nordhessen wird eine Präventionsstrategie entwickelt, die ältere Menschen vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Hitze schützt.
Eines der zentralen Probleme bei der gezielten Prävention von Hitzerisiken bei alleinlebenden alten Menschen ist die Eröffnung wirksamer Zugangswege zur Zielgruppe. Da präventive Leistungen in der Kranken- und pflegeversicherung bislang nur sehr eingeschränkt finanziert werden, fallen der Hausarzt, die Fachärztin und der ambulante Pflegedienst als zentraler Zugangsweg weitgehend aus. Im Teilprojekt "PräKom" des Gesundheitsamtes Region Kassel wurde daher zunächst das quartiersbezogene Netzwerk in Public Private Partnership als potentiell geeigneter Zugangsweg identifiziert. Um dessen präventives Potential empirisch zu überprüfen, wurde im Kasseler Stadtteil West und kontrastierend dazu in der Gemeinde Lohfelden im Sommer 2009 unter Federführung des Gesundheitsamtes je ein Hitze-Präventions-Netzwerk initiiert und in Kooperation mit der hiesigen Kommunalpolitik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft schrittweise aufgebaut.Die Netzwerkarbeit wurde so angelegt, dass sie sowohl Antworten auf die Forschungsfragen des Projektes PräKom gibt als auch kreative Problemlösungsprozesse durch ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit ermöglicht. Dieses Vorgehen wurde gewählt, da von einem hohen Maß an Partizipation und Empowerment die nachhaltigsten Effekte auf die Anpassung des Stadtteils/der Gemeinde an die gesundheitsrelevanten Folgen von Hitzeperioden zu erwarten sind. Die Netzwerkaktivitäten sollen über die Projektlaufzeit hinaus im Stadtteil und in der Gemeinde verstetigt werden und im Falle eines erfolgreichen Verlaufs als Good-Practice anderen Stadtteilen und Kommunen dienen. Unter dieser Prämisse wurde vom Hitze-Präventions-Netzwerk Kassel-West am 6.3.2010 die erste Stadtteilkonferenz zum Thema "Die ältere Generation und der Klimawandel" durchgeführt. Rund 40 Personen aus der Gesundheitswirtschaft, der kommunalen Altenhilfe, dem Wohnbau, der öffentlichen Verwaltung, den Kirchen und dem Einzelhandel, nahmen daran teil. Ziel war zum einen das Netzwerk einer breiteren (Stadtteil-)Öffentlichkeit vorzustellen und ggf. neue Partner zu gewinnen. Zum anderen sollten Präventionsmaßnahmen und erfolgversprechende Zugangswege entworfen werden, die projektförmig im Anschluss an die Konferenz weiter ausgearbeitet und noch im selben Jahr erprobt werden können. Die Konferenz verlief sehr erfolgreich, fast alle TeilnehmerInnen wollen zukünftig an der Umsetzung von Projekten mitarbeiten. Entwickelt wird z.B. ein soziales, stadtteilbezogenes Hitzewarnsystem, mit dem primär alleinlebende alte Menschen erreicht werden können. Unter dem Dach des Stadtteilmanagements soll zudem eine Beratungsstelle eingerichtet werden, die Hauseigentümer dahingehend beraten soll, wie potentielle gesundheitliche Belastungen durch Hitze in der Planung von Sanierungsarbeiten und Neubauvorhaben berücksichtigt werden können. Beide Netzwerke haben sich auf Quartiersebene bislang als erfolgreiche Anpassungsstrategie an den Klimawandel erwiesen. Für die Netzwerkakteure stellt sich die Kooperation schon heute als "Win-Win-Situation" dar. Um aber auf Dauer tragfähig sein zu können, muss die Hitzeprävention im Quartier künftig stärker durch gesundheitsrelevante Anpassungsmaßnahmen auf kommunaler, regionaler und Länderebene flankiert werden.
Mehr zu KLIMZUG-Nordhessen
(Text: Markus Heckenhahn, Wolfgang Rudolph, Karin Müller; Foto: © Andreas Dengs/www.pixelio.de)